„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte…“

„… fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Dieser erste Satz aus Franz Kafkas wohl berühmtester Erzählung „Die Verwandlung“ (1912) teilt das Ungeheuerliche ganz lapidar mit. Merkwürdigerweise scheint Gregor diese Verwandlung nicht zu erschrecken, Angst macht ihm eigentlich nur der Gedanke, dass er seinen Dienst verschlafen hat und er daher entlassen werden wird.
Während Gregor die neue Situation annimmt und sogar Gefallen findet am nutzlosen Müßiggang, ist sein Anblick für seine Familie ein Schock: Aus einem vertrauten Menschen ist über Nacht ein sozialer Fremdkörper geworden, der der verschuldeten Familie die Existenzgrundlage entzieht und ein normales Zusammenleben unmöglich macht. Deshalb gibt es in ihren Augen nur eine Lösung: Das Untier muss weg!
Es geht in der Geschichte nicht um die Metamorphose zum Tier, sondern um den Verlust der Menschlichkeit. Die Geschichte des Außenseiters Gregor Samsa stellt die Frage nach der menschlichen Identität und der Möglichkeit, sich selbst zu begreifen und anzunehmen. Was macht den Menschen zum Menschen? Können und wollen wir mit Menschen leben, die ganz anders sind als wir?
Auch die Schülerinnen und Schüler der Klassen 10a und 10e widmeten sich im Deutschunterricht der Lektüre dieser kafkaesken Erzählung. Da das Schauspieler-Ensemble des Landestheaters Tübingen am Nachmittag des 09.05.2018 das Stück „Die Verwandlung“ als Gastspiel auf der Bühne des Stadttheaters Aschaffenburg präsentierte, war es für einen Großteil der Schülerinnen und Schüler eine Selbstverständlichkeit, gemeinsam mit ihren Deutschlehrerinnen Frau Hentschel und Frau Rasche die Vorstellung zu besuchen.
Mit aus dem Off geflüsterten Worten aus der Schöpfungsgeschichte begann die Inszenierung, urzeitlich wirkende Geräusche untermalten das Ganze, der Sündenfall wurde angesprochen. Die vier Darsteller zeigten auch äußerlich die geforderte Anpassung durch die uniformierten Anzüge, welche mit Umgebung, Wänden und Boden chamäleongleich verschmolzen. Als Chor sprachen sie weite Teile der kafkaesken Prosa, dann wieder spielten sie die Rollen mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik.
Im Lauf des Stücks schälten sich die Darsteller aus ihrer Uniformität heraus, indem sie Teile ihrer Anzüge ablegten, behielten jedoch durch das unterkühlte Sprechen in der Er-Form immer eine für das epische Theater eigene Distanz. Was nicht ausschloss, dass auch mal die Emotionen hochkochten und geschrien und gesungen (z.B. „Life on Mars“ von David Bowie) wurde. Der Verfremdungseffekt gab diesen Momenten eine besondere Tragik.
Im Epilog wurde die aus dem Off geflüsterte Schöpfungsgeschichte fortgeschrieben und Gregor Samsa fand sich nackt und bloß und geläutert in einem idyllisch anmutenden Zustand – augenscheinlich dem Garten Eden, also dem Paradies – in einen Apfel beißend wieder. Dem Zuschauer wurde die Frage, ob der Sündenfall nicht auch dahingehend einer für uns heutige Menschen ist, dass wir – den Baum der Erkenntnis mal außer Acht gelassen – vom Baum des Lebens noch nicht gegessen haben, auf den Weg gegeben.
Nicht nur die Schülerinnen und Schüler, auch die beiden Lehrkräfte verließen beeindruckt von der interessanten und intensiven Inszenierung das Stadttheater Aschaffenburg.

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Text: Isabel Rasche
Illustration: Cornelius Schmitt, 10e

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